Bitte wenden Sie sich an uns, wenn Sie an Architektur im Sinne von Baukunst auf der Grundlage eines architektonischen Entwurfes interessiert sind.

 
 

 

 
 

Das Selbstverständnis der Architekten *)

Zu allererst sei der wichtigste Begriff, nämlich jener der BAUKUNST genannt.
Über "Die Qualität des Baukünstlers" hat Otto Wagner dereinst geschrieben. Hat Wagner darin schon alles gesagt? Wie aktuell sind seine Aussagen von damals heute tatsächlich noch? Etwas an sich nicht endgültig Erklärbares als "Kunst" zu bezeichnen, ist im Grunde genommen das Bestreiten eines feigen Ausweges.

Bereits vor 15 Jahren fiel mir bei der Analyse der Wesensmerkmale "guter" Architektur auf, dass es immer zumeist ein bestimmter Aspekt ist, der bei der Betrachtung des Objektes besonders auffällt. So können etwa die Geschichte, das Klima, der umgebende Bestand, psychologische, wirtschaftliche oder technische Faktoren oder etwa der Verkehr alle nur erdenklichen Abhängigkeiten bedingen. Diese können etwa die Lage, Größe und Form des Gebäudes, sein Aussehen, die technische Ausstattung, die Art der Nutzung und den Öffentlichkeitscharakter bedingen. Ich habe dies damals "Wesensanalyse" genannt. Gute Architektur überlässt nichts dem Zufall, außer der Zufall an sich wird zur Entwurfsmethode erhoben. Wir verstehen das als "gute" Architektur, bei dem entwurfsrelevanten Abhängigkeiten einem Hauptaspekt untergeordnet werden, ja dieser Hauptaspekt gleichsam hochstilisiert wird.

Um Wagner nicht ganz aus den Augen zu verlieren: Bei ihm sind es fünf Kriterien, anhand derer ein Bauwerk zu beurteilen ist. Es sind dies der Ort, der Zweck, das Material, die Konstruktion und die Kunstformen. Wir sehen, auch in seiner Zauberformel steht eine Unbekannte, welche Interpretationsspielraum zulässt.
"Baukunst" beinhaltet vielleicht jene nicht anders sagbare, größere, zusammenfassende Wahrheit im Gesamten eines Entwurfs, die wir eben vielleicht nicht anders beschreiben können.

Hier ein Beispiel:
Im besten Fall ergibt sich die Lage eines Fenstern nicht nur aus seinem funktionellen Erfordernis, sondern auch aus der harmonischen Erscheinung, dem idealen Sonnenstand oder der Witterungsschutz, der Anpassung oder dem bewussten Kontrast zu den Fenstern der Nachbargebäude, aus der Notwendigkeit seinen Materialien aber auch den Bedingnissen der Wand und der Statik Rechnung zu tragen. Blickachsen von innen nach außen, aber auch umgekehrt können vermieden oder bewusst geschaffen werden. Und was für ein einfaches Fenster gilt, gilt für einen Gesamtentwurf allemal. Heute gibt es (meist) nur noch einen Hauptaspekt: die Wirtschaftlichkeit. Was heute nicht durch die alles beherrschende Wirtschaftlichkeit im Sinne der zuvor genannten Wesensanalyse vorgegeben wird, das besorgt die ständig zunehmende Gesetzes- und Normenflut, bis von "Architektur" gar nichts mehr übrig bleiben kann.

Ich bin mir sicher, jeder Architekt wartet sehnlichst auf jene Aufträge der Baukunst, die sich in die lange Geschichte der großen Bauwerke einreihen. Herbeigesehnt werden Zustände, wo etwa die Ausfinanzierung eines Kirchenbaues bei Baubeginn nie Thema war. Doch aus den zuvor genannten Gründen ist Baukunst heute (beinahe) nicht mehr möglich. Und damit fällt der allerwichtigste Pfeiler der Architektur. Ohne Baukunst ist Architektur nur noch Bauen.

Der zweite wichtige Punkt des Selbstverständnisses des Architekten ist der architektonische ENTWURF. Gar mancher Laie oder massenproduktive laienhafte Zeichner wäre überrascht, welche Vielzahl an Entwurfsmethoden an den Hochschulen gelehrt werden. Da alle Architekten solche Ausbildungen zum Thema Entwurf jahrelang genossen haben, nehme ich an, meine Kollegen sehen den architektonischen Entwurf mit der gleichen Wichtigkeit wie ich. Welcher Wert wird ihm heute in der Öffentlichkeit beigemessen?

Nehmen wir an, ein Laie erhält als Ergebnis einer eingehenden und entsprechend von ihm zu bezahlenden Beschäftigung eines Architekten mit seiner Aufgabenstellung ein A4-Blatt ausgehändigt. Ein A4-Blatt, nicht mehr. Und nehmen wir an, dass darauf sogar nur ganz wenige Linien das Ergebnis darstellen. Nehmen wir noch weiters an, die Rechnung dafür beträgt den dreifachen Monatsgehalt des Kunden. Wie wird die Geschichte ausgehen?
Richtig. Der durchschnittliche architektonische Laie wird die Welt nicht mehr verstehen. Er wird wutentbrannt das Weite suchen.
Nehmen wir in unserer Beispielsgeschichte aber noch eine weitere Sache an. Nämlich dass der Entwurf des Architekten genial war. Er schaffte es mit wenigen klaren Strichen, das Wesentliche der Aufgabe herauszuarbeiten. Aber wie so oft wird Qualität mit Quantität verwechselt. Abschließend kann dazu eine Tatsache festgestellt werden: Für den Kunden ist dieser Entwurf wirklich unbezahlbar.

Der dritte und ebenso wichtige Punkt in unserem Selbstverständnis als Architekten ist jener des VERTRAUENS. Tatsächlich unterliegen Architekten ohnehin der Verschwiegenheitspflicht. Jedoch fasse ich diesen Punkt noch weiter. Ich definiere Diskretion als Tugend. Nämlich der Geheimhaltung sämtlicher Angelegenheiten des Bauherrn. Architekten sind ausschließlich dem Bauherrn verpflichtet. Nur Architekten als Ziviltechniker garantieren etwa bei Angebotseinholungen ihre Loyalität mit der ganzen Kraft ihres Berufsstandes ausschließlich ihren Kunden.

Zusammenfassend dürften diese drei Grundpfeiler des Selbstverständnisses des Architekten, nämlich Baukunst, Entwurf und Diskretion dem Laien dabei helfen, den "Mythos Architekt" zu verstehen.

 

*) Vielleicht spreche ich mit den Worten vielen meiner Kollegen aus der Seele.
Das Selbstverständnis? Alles ändert sich, auch gar manches Selbstverständnis. Mitunter ändert es sich sogar im Laufe einiger Jahre. Flexibilität - auch im Denken - wird Allenorts gefordert. Gibt es aber beim Selbstverständnis des Architekten vielleicht auch Konstanten? Wie jedes Selbstverständnis ist jenes des Architekten nicht unbedingt der objektiven Realität entsprechend, so es eine solche gibt. Womöglich entspricht es auch nicht dem subjektiven Verständnis der "Anderen", wo die "Anderen" ziemlich sicher quantitativ die Mehrheit bilden. Jeder Architekt für sich hat vermutlich sogar ein eigenes Selbstverständnis seines Berufes und ein Bild von dem, was Architektur ist. Das wird sich aber vermutlich mit jenem seiner Kollegen zumindest in Teilbereichen überschneiden. Sei dies aus dem erlernten Verständnis heraus oder aus der in der Praxis erprobten Erfahrung. Ich möchte hier die Grundpfeiler definieren, die vermutlich in jedem der vielen genannten Selbstverständnisse vorkommen und denen somit die größte Berechtigung auf Zuerkennung der Bezeichnungen "richtig" oder "Wahrheit" zukommt.